20.10.2017

Karel Hynek Mácha – Briefe im Feuer

Auswahl von Briefen
übersetzt und dezent kommentiert von Ondřej Cikán
Tschechisch / Deutsch

Karel Hynek Mácha (1810–1836) ist der Verfasser des Liebesepos Mai, das u.a. zu den wichtigsten Inspirationsquellen des tschechischen Surrealismus gehört. Liebespaare rezitieren es bis heute unter Máchas Statue auf dem Prager Petřín. Privat zeigte sich Máchas Romantik auf etwas andere Weise als in seinem berühmtesten Gedicht.

In der Ausgabe Briefe im Feuer sind neben einigen Liebesbrief-Fragmenten diejenigen Briefe versammelt, die Mácha knapp vor seinem Tod an seine Eltern und seine Verlobte Lori geschrieben hat. Das Bändchen ergibt einen spannenden, verstörenden und berührenden Mikroroman. Mácha beschreibt zwar begeistert, wie er in Leitmeritz (Litoměřice) bei den Löscharbeiten geholfen hat. Dass er sich dabei eine schwere Krankheit zuzog, erwähnt er mit keinem Wort. Statt dessen gibt er unterschiedliche Anweisungen, droht seiner Verlobten Lori aufs gröbste und macht sich Sorgen um seinen kranken neugeborenen Sohn. Máchas letzter Brief ist vom 2.11. Am 6.11. starb er und am 8.11. wurde statt der geplanten Hochzeit sein Begräbnis begangen. Der Sohn erlebte seinen ersten Geburtstag nicht.


Ondřej Cikán hat auch Máchas Liebesepos Mai ins Deutsche übersetzt (verbesserte Neuauflage Kétos 2019) und dabei den Originalklang nachgebildet, indem er die Freiheiten des tschechischen Jambus auch für das Deutsche übernahm. Der Mai ist super. Unbedingt lesen.

Das Kētos bringt Máchas Briefe im Feuer heraus, um dem deutschsprachigen Publikum einen neuen Aspekt des in Tschechien hochverehrten Dichters näherzubringen. Zugleich fügt sich Mácha aufgrund der Schwerpunkte des Kētos auf abenteuerliche Prosa und tschechische Lyrik gut ins Programm. Abenteuerliche Prosa: Der blutige Roman von Josef Váchal, Valerie und die Woche der Wunder von Vítězslav Nezval, Daphnis und Chloë von Longos. Tschechische Dichtung: Mumie auf Reisen von J.H. Krchovský, Das eiserne Hemd von Zuzana Lazarová.

Gefördert durch das Kulturministerium der Tschechischen Republik.

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Karel Hynek Mácha: Briefe im Feuer
(Dopisy v ohni)
Auswahl von Briefen
Tschechisch / Deutsch
übersetzt von Ondřej Cikán
Sommer 2019 / Kētos Band 6
63 Seiten
Hardcover mit Fadenbindung
EUR 12 / CZK 190
(Vorbestellungspreis EUR 10)

ISBN: 978-3-903124-04-2


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Leseprobe (Stil entspricht dem Original):

Das war aber ein Brand; elf Scheunen, lauter Getreide, brannten zugleich, und der Wind blies hinein, ein Graus; so eine Helligkeit und Hitze habe ich in meinem Leben nicht gesehn. – Es brannten die Scheunen auf beyden Seiten der Straße und der Wind jagte die Flamme über die Straße, also wollte keiner hinüberlaufen und dabei war dort hinten keiner. Also haben wir dann doch zu viert Mut gefaßt. Ich habe mir den Mantel ausgezogen und den Hut, und einer übergoß mir den Kopf mit Wasser, damit meine Haare nicht Feuer
fingen und ich rannte an drei brennenden Scheunen auf jeder Seite vorbey, und hinter mir noch drei Leute. Just war aber höchste Zeit. Zwischen zwey Scheunen ist eine kurze Mauer und in der ein Thor; die ei[ne Scheu]ne brannte und die andere nicht; aber das Thor da­z[wischen] brannte schon; wenn das Thor bis zum andern Ende ab­gebrannt wäre, hätte davon auch die zweite Scheune Feuer gefangen. Also kletterten ich und der Rauchfangkehrer über das bren­nende Thor, dieweil es geschlossen war, zerschlugen die R[ieg]el, traten das Thor um und warfen es auf die Straße hinaus, dann kletterte ich auf die Spitze der Scheune und setzte mich wie auf ein Pferd, und die andern gaben mir Wasser und ich übergoß immer das Dach, damit es nicht Feuer fange; habe es dort aber kaum ausgehalten durch die Hitze und den Wind;
[...]
Ich beschwöre Euch, beim Himmel und was Euch daran am heiligsten ist! warum schreibt Ihr mir nicht? – Ist es ein Witz für Euch? Wenn ich hier am Dienstag kein Schreiben habe, werd ich Euch am ehesten wahnsinnig! – Es ist jetzt Freitag vor der 8ten Stunde, bin schon gelegen; nicht in der Lage durchzuhalten; ständig kommen mir solche Ängste, daß ich aufspringen mußte, und ich schreibe halbnackt, daß ich vor Kälte die Feder kaum halten kann. Ist es ein Witz, so lang hier allein und allein zu sein, nichts zu thun; wohin und was kann ich denken, als wie es Euch in Prag ergeht?, und daß nicht allen gut, das weiß ich ohnedies! Lori krank, Ludwig wohl tot; und ich soll hier sitzen, und nachdenken und mir das Schlimmste vorstellen, und nicht nach Prag können, und keine Briefe erhalten.