29.07.2020

Karel Hlaváček: Spät gegen Morgen

Symbolismus vom Feinsten II
übersetzt von Ondřej Cikán
mit Illustrationen des Autors
Tschechisch / Deutsch



Karel Hlaváček (1874–1898) starb mit 23 Jahren an Tuberkulose und gehört neben Otokar Březina und Antonín Sova zu den drei großen tschechischen symbolistischen Dichtern. Außerdem war er Maler und Graphiker. Seine zweite Lyriksammlung "Spät gegen Morgen" verhalf ihm zum Durchbruch. Hlaváčeks Gedichte bestechen teils durch eine äußerst suggestive Klangsprache, teils durch eine gewisse neugierige Jugendlichkeit. — Zugleich scheinen Hlaváčeks Phantasien von Weltuntergang und Machtlosigkeit heutzutage besonders aktuell zu sein.

Der einflussreiche Surrealist Vítězslav Nezval schätzte Hlaváček sehr, besonders für dessen von irrationalen Bildern geprägte Gedichte "Ich lasse die Viola in der tiefsten Stimmung klingen" und "Es spielte wer Oboe" (letzteres Gedicht, das zu keiner Sammlung gehört, ist in den Anhang unserer Ausgabe aufgenommen worden). 

Hlaváčeks Sammlung "Spät gegen Morgen" gleicht Variationen auf ein bedrohliches Ende der Nacht, auf ein Ende der Angst, das bedrohlicher wirkt als die Angst selbst, auf das Ende eines Traums, aus dem man all seinen Schrecken zum Trotz nicht erwachen will, weil er ja auch schön ist. Die Düsternis ist stets auch ironisch und lustvoll.

Der Band enthält neben der Sammlung auch einen Anhang mit Vergleichsgedichten (Edouard Dubus, Otokar Březina, J.H. Krchovský) sowie Hlaváčeks bisher unpubliziertem Gedicht "Pubertät".


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Karel Hlaváček: Spät gegen Morgen
(Pozdě k ránu, Moderní revue, Prag 1896)
Symbolismus vom Feinsten II
Tschechisch / Deutsch
mit Illustrationen des Autors
übersetzt von Ondřej Cikán
Winter 2020-21 / Kētos Band 17
144 Seiten
Hardcover mit Fadenbindung und Lesebändchen
EUR 20 / CZK 320

ISBN: 
978-3-903124-17-2



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Leseprobe:

Ich lasse die Viola in der tiefsten Stimmung klingen,
um spät des Abends, sie begleitend, leise mitzusingen.

In Leidenschaft, die lang ergraute, trübe Launen laden,
leg ich den Zauber alter und ironischer Balladen.

Mein Erbstück, die Viola, will für die, für die nur rauschen,
die früh nach unsicheren Nächten in die Ferne lauschen.

Mein Lied will in sich all den Gram von alledem vereinen,
das wuchs, erblühte, süße Früchte trug umsonst, für keinen,

Will dessen Hoffnung fühlen, dessen vage Zärtlichkeiten,
das aus dem schweren Ufersand zu sprießen sucht in Weiten,

Und will den Sinnen scheu und sanft als Lock- und Rauschgift dienen,
wie dicker Leitungsdraht erschwingt, vernebelt von Sordinen,

Es sucht Vertraulichkeit, wenn still Staccati es verbreitet,
wenn schwarz in tiefsten Lagen es zu weinen sich bereitet ...

Mein Erbstück, die Viola, werd ich dann nur, dann nur streichen,
wenn sich der Mond erst zeigen soll, die Nacht noch lang nicht weichen.

Meine Vigil fällt streng in weite Wasser, Waldgeäste,
das Land durchwandert das Geheimnis hoher Gottesfeste.

Nervös sind meine schlanken Finger, wenn die Saiten schwingen,
wenn spät des Abends ich beginne leise mitzusingen ...

Ich lasse die Viola in der tiefsten Stimmung klingen.