30.05.2019

Kommende Lesungen


WIEN
3.8. 20:00 im Nachtasyl, Stumpergasse 53–55, 1060 Wien.
LESUNG MIT SAFT
Ondřej Cikán und Anatol Vitouch lesen wieder einmal eigene schmutzige Sachen und präsentieren das Büchlein "Briefe im Feuer" von Karel Hynek Mácha.

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Die ersten sechs, in allen Buchhandlungen bestellbaren Bücher sind:
J.H. Krchovský: Mumie auf Reisen – Ein Epos und weitere Gedichte eines der populärsten tschechischen Dichter der Gegenwart.
Longos: Daphnis und Chloë – Ein poetischer Liebesroman in völlig neuer, poetischer Übersetzung. Der Endreim ist ein Mittel der antiken Prosa!
Zuzana Lazarová: Das Eiserne Hemd – Lilith und weitere Gedichte einer jungen tschechischen Dichterin. Das eiserne Hemd lässt Krähenflügel sprießen.
Vítězslav Nezval: Valerie und die Woche der Wunder – Ein surrealistischer Schauerroman,
Vorlage für den berühmten Film von Jaromil Jireš.
Josef Váchal: Der blutige Roman – Versuch um den Typus des idealen Schundromans,
mit 80 Holzschnitten. Wahnsinnsübersetzung samt Kommentar.
Karel Hynek Mácha: Briefe im Feuer – Auswahl von Briefen des Dichters des berühmten Gedichts "Mai". 

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Fix in Vorbereitung für Herbst 2019 sind:
Otokar Březina: Geheimnisvolle Weiten – Symbolistische Gedichte vom Feinsten mit Holzschnitten von Christian Thanhäuser.
Rainer Maria Rilke: Kornet – Píseň o lásce a smrti korneta Kryštofa Rilkeho: Deutsch-Tschechische Ausgabe von Rilkes Cornet.
Wynfried Schecke zu Gülitz: Margot – Vom Leben einer Baroness und vom Leiden ihres Pferdes. Dieser Romanbestseller wird erst gedruckt, wenn sich insg. 100 Vorbestellungen einfinden. Es fehlen nur noch 25. Bestellungen an: die.gruppe@gmx.at.

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Prospekt des Blutigen Romans von Josef Váchal:



Wynfried Schecke zu Gülitz – Margot

Margot 
Ein Romanbestseller 
vom Leben einer Baroness und vom Leiden ihres Pferdes


"Irrsinnig witzig" – Der Taschenspiegel.
"Raffiniert" – New York Courrier.
"Brilliant. Herrlich. Das Buch des Jahres" – Illustrierte Morgenpost.

Dieser packende Bestseller von Weltformat ist vollkommen förderungsunwürdig und wird deshalb erst dann erscheinen, wenn sich beim Verlag Kētos (die.gruppe@gmx.at) 100 Vorbestellungen einfinden. An die Subskribenten werden Exemplare der handnummerierten Sonderauflage 1–100 vergeben.

Wynfried Schecke zu Gülitz ist als Bestseller-Autor hinlänglich bekannt. Seine hervorragende Bekanntheit ist seinen zahlreichen Bestsellern zu verdanken, die er unter diversen Pseudonymen bekannter Bestseller-Autoren verfasst hat. Abgesehen davon schrieb er unzählige Klassiker der österreichischen und internationalen ernstzunehmenden Belletristik, die aufgrund seines zeitgemäß-präzisen und auf eingehender Beobachtung der gesellschafts-politisch relevanten gesellschafts-politischen Umstände beruhenden, radikal zeitgenössischen Stils vielfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet worden ist.

Der Roman Margot, der bereits vor seinem Erscheinen von Fjodor M. Dostojewskij unter dem Pseudonym Der Idiot nachgedichtet worden ist, analysiert in zwölf flotten Kapiteln die Abgründe jedweder menschlicher Scham und zeigt auf, was passiert, wenn Baroness Margot hochwohlgeboren zwölf Kapitel lang nichts anderes tut, als ihr treues Pferd Wynfried (und somit den Autor des Werkes) mit diversen Schlaggeräten zu schlagen.

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Wynfried Schecke zu Gülitz: Margot
Ein Romanbestseller 
vom Leben einer Baroness und vom Leiden ihres Pferdes
herausgegeben von Ondřej Cikán
Vorbestellungen an: die.gruppe@gmx.at
EUR 15 / 1 Stk.
EUR 100 / 10 Stk.
EUR 5 Reservierung einer individuellen Nummer der Sonderauflage 1–100

ISBN: 978-3-903124-10-3

29.05.2019

Karel Hynek Mácha – Mai

Romantisches Liebesepos
Inspiration des tschechischen Poetismus und Surrealismus
übersetzt und mit Nachwort versehen von Ondřej Cikán
illustriert von Antonín Šilar
Tschechisch / Deutsch

"Es war spät Abend – erster Mai – abends der Mai war Liebeszeit." Mit diesen Worten beginnt das Kurzepos über Liebe und Tod des tschechischen Romantikers Karel Hynek Mácha (1810–1836). Ein Räuberhauptmann wird hingerichtet, weil er die Verführung seiner Geliebten gerächt hat. In eindrucksvollen Bildern verabschiedet er sich von der Erde. 

Das Kurzepos Mai ist nicht nur eines der berührendsten Werke der Romantik, es diente auch wegen seines avantgardistischen Bilderreichtums den tschechischen Surrealisten als Vorbild und stellt bis heute ein Fundament der tschechischen Dichtung dar. 

Die lautmalerische Übersetzung des österreichisch-tschechischen Dichters Ondřej Cikán ist die erste, die die formalen Eigenheiten des Originals nachahmt. Da diese zum Teil in einer gewissen rhythmischen Freiheit bestehen, gelingt es Cikán, auch den Inhalt besonders präzise zu übertragen. Gegenüber der ersten Ausgabe (Labor 2012) hat der Übersetzer einige Ungenauigkeiten korrigiert und das Nachwort erweitert.

Das Kētos hat auch eine Auswahl von Máchas Briefen herausgebracht. Als weiterführende Lektüre empfehlen sich Otokar Březina und Vítězslav Nezval. Mit Máchas Mai ist außerdem Rilkes Kornet eng verwandt.

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Karel Hynek Mácha: Mai
(Máj, 1836)
übersetzt und mit Nachwort versehen von Ondřej Cikán
illustriert von Antonín Šilar
erscheint im Herbst 2019
ca. 140 Seiten
Hardcover mit Fadenbindung
EUR 20 / CZK 320

ISBN: 978-3-903124-09-7

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Leseprobe:

Es war spät Abend – erster Mai –

Abends der Mai war Liebeszeit.
Das Täubchen rief zur Lieb herbei,
Der Föhrenhain duftete weit.
Von Liebe flüsterte das Moos;
Und blühend log von Schmerz ein Baum,
Die Nachtigall sang ihren Traum,
Die Rose schwieg, sie seufzte bloß.
Im Sträucherschatten still zerronnen
Rauschte der See geheimes Leid,
Das Ufer hielt ihn lang und breit;
Und fremder Welten helle Sonnen,
Sie irrten durch azurne Strähnen,
Loderten dort wie Liebestränen.
Die Welten auch, die höher strebend
In ewger Liebe Zuflucht nahmen;
Bis sie – sich immer höher hebend,
Verloschen still, wie Funken schwebend –
Verirrt, verliebt zusammenkamen.
Der Luna volles Angesicht –
Bleiche Helle, helles Verbleichen
Die Liebste sucht, doch er muss weichen –
Errötete im zarten Licht;
Sie sah sich in den Wassern stehen
Und musste nach sich selbst vergehen.
Fern sah man dunkle Höfe scheinen:
So kamen sie sich nah, ganz nah
Und lagen bald umarmt schon da,
Tief, tiefer, um sich ganz zu einen
Im dunklen Schoß der Dämmerungen.
Auch Bäume halten sich umschlungen. –
Am fernsten liegt der Berge Schatten,
Wo Birke, Kiefer süß ermatten
Zu zweit ganz, und die Wellen rollen
Den Wellen nach. Nichts bleibt der vollen 
Liebe jetzt fern – zur Liebeszeit.

Otokar Březina – Geheimnisvolle Weiten

Symbolismus vom Feinsten
übersetzt von Ondřej Cikán
illustriert von Christian Thanhäuser
Tschechisch / Deutsch


Otokar Březina (1868–1929) gehört zu den bedeutendsten tschechischen Symbolisten, und zwar vor allem aufgrund seiner ersten, von düsterer Mystik und tiefer Sehnsucht durchdrungenen Sammlung Geheimnisvolle Weiten. Deren vielfältige Versmaße zeichnen sich durch eine außergewöhnliche, teilweise extrem langsam getragene Rhythmik aus und erinnern von der Metrik her mitunter an die biblischen Psalmen. 

Březina inspirierte den Graphiker Josef Váchal (1884–1969), den Autor des Werks Der blutige Roman, zu zahlreichen Kunstwerken. Die Illustrationen zur vorliegenden Übersetzung Březinas besorgte daher der angesehene österreichische Holzschnitzer Christian Thanhäuser (*1956), der ein Kenner und Verehrer Váchals ist.

Bis zum Ende der 1920er Jahre wurde Březinas Werk vielfach ins Deutsche übersetzt, unter anderem von Franz Werfel. Die symbolistische Sammlung „Geheimnisvolle Weiten“ blieb aber großteils unberücksichtigt. Sie erscheint nun zum ersten Mal auf Deutsch, und zwar in einer poetischen Übersetzung von Ondřej Cikán.

Das Kētos verlegt diese Sammlung, weil sie eine Verbindung zwischen dem Liebesepos Mai von Karel Hynek Mácha und der Sammlung Mumie auf Reisen von J.H. Krchovský herstellt. Aufgrund ihrer Mystik diente Otokar Březina zudem als Inspirationsquelle für Josef Váchal und aufgrund seiner Bildhaftigkeit und Poetik für Vítězslav Nezval.

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Otokar Březina: Geheimnisvolle Weiten
(Tajemné dálky, Moderní revue, Prag 1895)
Symbolismus vom Feinsten
Tschechisch / Deutsch
übersetzt von Ondřej Cikán
illustriert von Christian Thanhäuser
erscheint im Herbst 2019
ca. 140 Seiten
Hardcover mit Fadenbindung
EUR 20 / CZK 320

ISBN: 
978-3-903124-08-0

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Leseprobe:

Besuch

Ich sagte: Schwester, es leuchten im Blick dir erloschene Sonnen,
Erwach und laß mir (daß ich sie dir wärme) die kalt gewordene Hand.
Abend war. Was in der Dämmerung duftete, war traurig verronnen
     Und weinte mit eisernem Schluchzen der Glockenwand.

Da sah ich sie, meine Seele, vor Jugend errötet, erbeben,
Sie stieg in den graueren Dunst meines Morgengrauens hinaus:
Vergessenes Kind, das spielt vor dem Sturm, das ein Lächeln zu heben
     Versucht an der Schwelle vorm verschlossenen Haus.

Sie war fröhlich, ein Kranzmädchen vor dem Begräbnis, im weißen Schleier
Und glücklich, wie im Haus, wo es brennt, der Atem der Schlafenden geht,
Jungfräuliche Braut im Gebet vor dem Tag ihrer Hochzeitsfeier,
     Die an den Betten der Sterbenden steht.

Auf meiner Wange ihr Hauch: so erweht aus entfernten Gärten
Der Duft verwelkter Rosen, damit auf dem Mund er zum Kuß sich erhelle.
Und Vorhänge östlichen Scheins, die aus reinsten Strahlen sich nährten,
     Hängte meinen kranken Sehnsüchten sie in die Zelle.


27.10.2017

Manifest des Musismus / Manifest Múzismu / Musist Manifesto

Dichtung ist Musendienst.
Poezie je služba Múzám.
Služba Múzám je překlad.
Musendienst ist Übersetzung.

Muse, die Du bist die einzige Schönste, / Weil all Deine Schwestern sich in Dir vereinen! // Wir danken Dir für alles, denn ohne Dich sind wir nichts. / Küsse und behüte uns auf Deinem steinigen Weg, / Der hinter jeder Biegung eine Rose Deiner Liebe birgt, / Schenke uns den Tau deiner vielen Lippen / Und erwecke in uns Deine Stimme, / Denn Du bist die Zeit aller Dinge, / Wie im Wachen so auch im Träumen. // Mit der Wange auf Deinem Busen / Lauschen wir Deinem Duft, / Atmen wir Dein Licht, / Auch wenn wir sterben, für immer.

Múzo, Ty jsi jediná a nejkrásnější, / Jsouť všechny sestry Tvé sjednoceny v Tobě! // Za všechno Tobě děkujeme, nejsmeť bez Tebe nic. / Zlíbej a opatruj nás na trnité cestě Tvé, / jež skrývá za každým zákrutem růži Tvé lásky, / Daruj nám rosu z Tvých nesčetných retů / A probuď v nás Tvůj hlas, / Neboť Ty jsi čas všeho, / Jak ve bdění, tak i ve snách. // S lící na Tvých ňadrech / Nasloucháme Tvé vůni, / Dýcháme Tvé světlo, / I když zemřeme, navždy.


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Manifest des Musismus / Manifest Múzismu / Musist Manifesto
Deutsch / Česky / English
Herbst / podzim / autumn 2019 / Kētos Band 8
ca. 100 Seiten / stran / pages
Hardcover mit Fadenbindung / vázaná v pevné obálce
EUR 12 / CZK 200
(Vorbestellungspreis EUR 10)

ISBN: 978-3-903124-07-3

20.10.2017

Karel Hynek Mácha – Briefe im Feuer

Auswahl von Briefen
übersetzt und dezent kommentiert von Ondřej Cikán
Tschechisch / Deutsch

Karel Hynek Mácha (1810–1836) ist der Verfasser des Liebesepos Mai, das u.a. zu den wichtigsten Inspirationsquellen des tschechischen Surrealismus gehört. Liebespaare rezitieren es bis heute unter Máchas Statue auf dem Prager Petřín. Privat zeigte sich Máchas Romantik auf etwas andere Weise als in seinem berühmtesten Gedicht.

In der Ausgabe Briefe im Feuer sind neben einigen Liebesbrief-Fragmenten diejenigen Briefe versammelt, die Mácha knapp vor seinem Tod an seine Eltern und seine Verlobte Lori geschrieben hat. Das Bändchen ergibt einen spannenden, verstörenden und berührenden Mikroroman. Mácha beschreibt zwar begeistert, wie er in Leitmeritz (Litoměřice) bei den Löscharbeiten geholfen hat. Dass er sich dabei eine schwere Krankheit zuzog, erwähnt er mit keinem Wort. Statt dessen gibt er unterschiedliche Anweisungen, droht seiner Verlobten Lori aufs gröbste und macht sich Sorgen um seinen kranken neugeborenen Sohn. Máchas letzter Brief ist vom 2.11. Am 6.11. starb er und am 8.11. wurde statt der geplanten Hochzeit sein Begräbnis begangen. Der Sohn erlebte seinen ersten Geburtstag nicht.


Ondřej Cikán hat auch Máchas Liebesepos Mai ins Deutsche übersetzt (verbesserte Neuauflage Kétos 2019) und dabei den Originalklang nachgebildet, indem er die Freiheiten des tschechischen Jambus auch für das Deutsche übernahm. Der Mai ist super. Unbedingt lesen.

Das Kētos bringt Máchas Briefe im Feuer heraus, um dem deutschsprachigen Publikum einen neuen Aspekt des in Tschechien hochverehrten Dichters näherzubringen. Zugleich fügt sich Mácha aufgrund der Schwerpunkte des Kētos auf abenteuerliche Prosa und tschechische Lyrik gut ins Programm. Abenteuerliche Prosa: Der blutige Roman von Josef Váchal, Valerie und die Woche der Wunder von Vítězslav Nezval, Daphnis und Chloë von Longos. Tschechische Dichtung: Mumie auf Reisen von J.H. Krchovský, Das eiserne Hemd von Zuzana Lazarová.

Gefördert durch das Kulturministerium der Tschechischen Republik.

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Karel Hynek Mácha: Briefe im Feuer
(Dopisy v ohni)
Auswahl von Briefen
Tschechisch / Deutsch
übersetzt von Ondřej Cikán
erscheint im Sommer 2019 / Kētos Band 6
63 Seiten
Hardcover mit Fadenbindung
EUR 12 / CZK 190
(Vorbestellungspreis EUR 10)

ISBN: 978-3-903124-04-2


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Leseprobe (Stil entspricht dem Original):

Das war aber ein Brand; elf Scheunen, lauter Getreide, brannten zugleich, und der Wind blies hinein, ein Graus; so eine Helligkeit und Hitze habe ich in meinem Leben nicht gesehn. – Es brannten die Scheunen auf beyden Seiten der Straße und der Wind jagte die Flamme über die Straße, also wollte keiner hinüberlaufen und dabei war dort hinten keiner. Also haben wir dann doch zu viert Mut gefaßt. Ich habe mir den Mantel ausgezogen und den Hut, und einer übergoß mir den Kopf mit Wasser, damit meine Haare nicht Feuer
fingen und ich rannte an drei brennenden Scheunen auf jeder Seite vorbey, und hinter mir noch drei Leute. Just war aber höchste Zeit. Zwischen zwey Scheunen ist eine kurze Mauer und in der ein Thor; die ei[ne Scheu]ne brannte und die andere nicht; aber das Thor da­z[wischen] brannte schon; wenn das Thor bis zum andern Ende ab­gebrannt wäre, hätte davon auch die zweite Scheune Feuer gefangen. Also kletterten ich und der Rauchfangkehrer über das bren­nende Thor, dieweil es geschlossen war, zerschlugen die R[ieg]el, traten das Thor um und warfen es auf die Straße hinaus, dann kletterte ich auf die Spitze der Scheune und setzte mich wie auf ein Pferd, und die andern gaben mir Wasser und ich übergoß immer das Dach, damit es nicht Feuer fange; habe es dort aber kaum ausgehalten durch die Hitze und den Wind;
[...]
Ich beschwöre Euch, beim Himmel und was Euch daran am heiligsten ist! warum schreibt Ihr mir nicht? – Ist es ein Witz für Euch? Wenn ich hier am Dienstag kein Schreiben habe, werd ich Euch am ehesten wahnsinnig! – Es ist jetzt Freitag vor der 8ten Stunde, bin schon gelegen; nicht in der Lage durchzuhalten; ständig kommen mir solche Ängste, daß ich aufspringen mußte, und ich schreibe halbnackt, daß ich vor Kälte die Feder kaum halten kann. Ist es ein Witz, so lang hier allein und allein zu sein, nichts zu thun; wohin und was kann ich denken, als wie es Euch in Prag ergeht?, und daß nicht allen gut, das weiß ich ohnedies! Lori krank, Ludwig wohl tot; und ich soll hier sitzen, und nachdenken und mir das Schlimmste vorstellen, und nicht nach Prag können, und keine Briefe erhalten.


J.H. Krchovský – Mumie auf Reisen

Ein Mumien-Epos und andere harte Gedichte

ausgewählt, übersetzt und mit Nachwort versehen von Ondřej Cikán
Lyrik / erzählende Lyrik
Tschechisch / Deutsch

Ein mumifizierter Mönch flieht vor der Einäscherung aus den Katakomben, taucht in der Stadt unter, versinkt in Alkohol und verliebt sich. Zu jeder rührenden Geschichte, und mag sie auch noch so grob sein, gehört doch die Liebe! 

Das Epos ist durch ausgewählte Einzelgedichte ergänzt, die in ungemein präzisen Versmaßen auf verstörend unterhaltsame Weise von verzweifelter Zärtlichkeit und unzarter Brutalität handeln. 

Diese erste eigenständige deutschsprachige Ausgabe des populären tschechischen Dichters J.H. Krchovský stellt einen kleinen Querschnitt aus dessen umfangreichem Werk dar. Und so fehlen auch nicht ein paar Gedichte, die von der Band Krch-off vertont worden sind. Dabei hat der Übersetzer genau auf das Versmaß geachtet, sodass sich diese Lieder nun auf Deutsch nachsingen lassen (Leseprobe s.u.). Zum Anhören: Spaziergang durch den Urnenhain und Epitaph.

J.H. Krchovský wurde 1960 in Prag geboren, lebt in Brünn und Prag. Sein Pseudonym Krchovský bedeutet auf Deutsch so viel wie J.H. von Friedhof. Von Beginn der 80er Jahre an publizierte er im Samizdat und machte sich mit seiner Poesie im Underground einen Namen. Nach der Wende wurden in rascher Folge seine älteren Lyrik-Sammlungen wiederveröffentlicht und weitere kamen hinzu, und zwar vor allem im Brünner Verlag Host. Im Jahr 1992 erhielt er den Preis der Revolver Revue. Er tritt regelmäßig mit seiner Band Krchoff auf.

Das Kētos publiziert dieses Buch, weil Krchovskýs Mischung aus virtuoser Poesie und Brutalität einzigartig ist, weil in der aktuellen deutschsprachigen Lyrik ausgefallene, präzise Versmaße selten sind, weil ausgefeilte erzählende Lyrik, wie das Epos Mumie auf Reisen den Musen eine ist, am meisten gefällt.
Außerdem ist die Mumie auf Reisen mit den beiden poetischen Schundromanen im Programm des Kētos verwandt, die da heißen: Der blutige Roman von Josef Váchal und Valerie und die Woche der Wunder von Vítězslav Nezval. Thematisch passt das Buch auch zur Lyriksammlung Das eiserne Hemd von Zuzana Lazarová sowie zu den Briefen im Feuer von Karel Hynek Mácha.
Nicht zuletzt sind im Kurzepos Mumie auf Reisen, aber auch in anderen der ausgewählten Gedichte, klare Anklänge an das Liebespos Mai von Karel Hynek Mácha (1810–1836) zu finden, das gleichsam das tschechische Urgedicht ist und unter anderem den tschechischen Surrealismus beeinflusste. Auf dieses Gedicht ist der Übersetzer, Ondřej Cikán, gewissermaßen spezialisiert. Im Jahr 2012 veröffentliche er im Wiener Labor-Verlag seine Neuübersetzung des Mai, ließ sich von diesem Werk zu seinem eigenen Kurzepos Prinz Aberjaja inspirieren und übernahm einzelne Motive auch in seinen Endzeit-Roman Der Reisende – Band 1: Du bist die Finsternis. Bei der Übersetzung von Krchovskýs Gedichten war Cikán also schon zu Hause.

Für das Nachwort hat Cikán zwecks poetischer Einordnung noch Einzelgedichte von Egon Bondy, František Gellner, Otokar Březina sowie drei Gedichte aus den lateinischen Carmina Priapea neu- bzw. erstübersetzt.


Gefördert durch das Kulturministerium der Tschechischen Republik.

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J.H. Krchovský: Mumie auf Reisen
Ein Epos und weitere Gedichte
(Mumie na cestách – Epos a další básně)
Tschechisch / Deutsch
übersetzt von Ondřej Cikán
erscheint im Herbst 2018 / Kētos Band 1
112 Seiten
Hardcover mit Fadenbindung
EUR 18 / CZK 280

ISBN: 978-3-903124-00-4

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Leseprobe:

Eine Strophe aus dem Epos Mumie auf Reisen

Mein liebstes Mädchen liegt mit nacktem
Bauch nah bei mir, hält meine Hand
und schwingt in ihres Herzschlags Takten
ahnt nicht, dass einen abgewrackten
verfaulten Frater sie umarmt
ahnt nicht, wenn ihre Seufzer klingen
vom Nieselschauer still versüßt
dass ihre Arme Aas umschlingen
dass sie einen Kadaver küsst …

Ich denke manchmal an dich
wenn mit dem Herbst im Kopf
ich durch das nasse Laub kriech
am Zentralfriedhof

Sind mal die Morgen milder
und deine zwei Gesichter eins
verlachst du tote Bilder
alle, nur nicht meins

Gesteh ich dir die Liebe
lässt du dich dann drauf ein
dass ich mit dir spaziere
durch den Urnenhain?

Das schlimmste Abendrot ist
wenn unmerklich du bebst
obwohl du noch nicht tot bist
und dennoch auch nicht lebst!

Zuzana Lazarová – Das eiserne Hemd

Die gefeierte Debüt-Sammlung einer harten Lyrikerin aus Tschechien
Erstübersetzung von Ondřej Cikán
Gemeinsam mit der Autorin bearbeitete Fassung

Lilith und andere Gedichte
Tschechisch / Deutsch

Zuzana Lazarovás Dichtung liebkost tief unter der Haut, reißt Engeln die Flügel aus und lässt ihnen neue wachsen. Sie züchtet Blumen in Beeten der Angst und erfreut sich an ihrem Duft. Biblisch-alchemistische Anspielungen mischen sich mit erotischen Bildern für Blinde.

Zuzana Lazarová, geboren 1986 in Liberec, schließt gerade ihr Studium der Photographie an der Prager Filmakademie FAMU ab. Sie arbeitete an den Animationen zum Film Přežít svůj život (Surviving life, CZ/SK 2010) von Jan Švankmajer mit. Mit ihren Photos ist der Roman Umina verze von Emil Hakl illustriert. Ihre Gedichte wurden unter anderem in den Zeitschriften Tvar, A2 und in der surrealistischen Revue Analogon publiziert. Ihre Debüt-Sammlung Železná košile (Das eiserne Hemd) war für den Jiří-Orten-Preis 2016 nominiert.

Das Kētos publiziert diese Lyriksammlung, weil sie erfrischend düster ist. Sie passt gut zur anderen Lyrikübersetzung des Kētos, die da heißt: Mumie auf Reisen von J.H. Krchovský.

Gefördert durch das Kulturministerium der Tschechischen Republik.

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Zuzana Lazarová: Das eiserne Hemd
(Železná košile, fra 2015)
Tschechisch / Deutsch
übersetzt von Ondřej Cikán
erscheint im Herbst 2018 / Kētos Band 3
96 Seiten
Hardcover mit Fadenbindung
EUR 18 / CZK 280

ISBN: 978-3-903124-02-8

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Leseprobe:

Die versteinerte Sonne

Am Ende lauert etwas Zartes
unerträglich Glattes
Es ist weder Eingang noch Ausgang
kein After mit zwei Enden
auch kein aufgeschlitzter Bauch eines Hohltiers
Eher ein schlüpfriger Kiesel aus Licht
ein weißer Umriss
eine stumme Glocke
eine Glocke ohne Herz
und ein Aufblitzen von Grausamkeit
über das der Mensch nur so hinrutscht

Die Sonne fließt in den Rachen der Finsternis
Die Glockenstimme verwächst mit der Landschaft
Und die in der Haut eingefrorene Grotte des Leibes
platzt wie eine Larve


19.10.2017

Longos – Daphnis und Chloë

ein poetischer Hirten-Liebesroman
völlig neu übersetzt von Ondřej Cikán und Georg Danek.

Altgriechisch / Deutsch

mit unterhaltsamem Kommentar

Wird den zwei jungen Hirten Daphnis und Chloë das süße Eheleben beschieden sein? 
Werden sie die unzähligen Entführungen und Verführungen heil überstehen?
Wie viele Wölfe und Piraten werden sie mit erotisch gefletschten Zähnen bedrohen?
Ein wunderbar poetischer Liebesroman, der mit verspielter, künstlich-ironischer Naivität besticht, von der schon Goethe schwärmte. 

Das Besondere an dieser Ausgabe liegt darin, dass die Übersetzer die rhythmisierte antike Prosa erstmals in Kola (bzw. Verse) unterteilt haben. So haben sie etwa die Endreime, die in der Antike ein Mittel der Prosa und nicht der Lyrik waren, sichtbar gemacht und in jahrelanger Arbeit Rhythmus, Sprachfluss und Klang des Originals auch im Deutschen nachgeahmt. 


Das Kētos verlegt dieses Buch, weil es in dieser Übersetzung für das Deutsche eine neue Art erzählerischer Poesie bietet. Außerdem fügt es sich gut zu den zwei anderen poetischen Romanen im Programm, die da heißen Der blutige Roman von Josef Váchal und Valerie und die Woche der Wunder von Vítězslav Nezval.


(Die hohe Seitenzahl unserer Ausgabe ergibt sich durch die Zweisprachigkeit, den tatsächlich unterhaltsamen Kommentar, der zwecks Vergleich u.a. einige feine Neuübersetzungen schöner Gedichte der Dichterinnen Sappho, Nossis und Anyte enthält, und vor allem durch die Aufteilung der Prosa in Verse.)


Georg Danek ist ao. Professor für Gräzistik an der Universität Wien und konzentriert sich in seiner Forschung auf antike Romane und Epen, sowie auf die südslawische Heldenepik. Auch Ondřej Cikán ist als Gräzist auf antike Romane spezialisiert und verfasste selbst, gleichsam als Ergänzung des Genres, einen eigenen surreal-antiken Roman mit dem Titel Menandros und Thaïs, der abendfüllend verfilmt worden ist.


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Longos: Daphnis und Chloë
Altgriechisch / Deutsch
übersetzt und kommentiert von Ondřej Cikán und Georg Danek
erscheint im Herbst 2018 / Kētos Band 2
384 Seiten
Hardcover mit Fadenbindung und Lesebändchen
EUR 20

ISBN: 978-3-903124-01-1


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Leseprobe:

Dieweil Daphnis in solche Gedanken vertieft war,

floh ein Zikadensänger vor einer Schwalbe, die ihn fangen wollte,
   und stürzte in Chloës Gewandbausch hinein. 
Und die Schwalbe, hinten nach, erwischte ihn nicht, 
doch als sie bei der Verfolgung nahe herankam,
   berührten ihre Flügel die Wangen des Mädchens.
Chloë wusste nicht, wie ihr geschah,
und schreckte mit einem Schrei aus dem Schlaf hoch.
Als sie aber die Schwalbe unweit davonfliegen sah,
und Daphnis über ihre Ängstlichkeit lachen hörte,
ließ sie ab von ihrer Furcht
und rieb sich die Augen, die weiterschlafen wollten.
Da zirpte der Zikadensänger aus dem Gewandbausch heraus, 
wie ein Schutzflehender, der für seine Rettung Dank ausspricht.
Chloë schrie abermals auf, 
aber Daphnis lachte,
nahm es als Vorwand,
griff mit beiden Händen an ihre Brust
und holte den lieben kleinen Sänger hervor:
   Und der zirpte weiter in seiner Hand.
   Das Mädchen sah ihn und grüßte ihn, 
   nahm ihn und küsste ihn,
   und steckte sich den Zirpenden wieder zurück ins Gewand.