29.05.2019

Otokar Březina – Geheimnisvolle Weiten

Symbolismus vom Feinsten
übersetzt von Ondřej Cikán
illustriert von Christian Thanhäuser
Tschechisch / Deutsch


Otokar Březina (1868–1929) wurde achtmal für den Nobelpreis vorgeschlagen und von Stefan Zweig und Franz Werfel sehr geschätzt. Er gehört zu den bedeutendsten tschechischen Symbolisten, und zwar vor allem aufgrund seiner ersten, von düsterer Mystik und tiefer Sehnsucht durchdrungenen Sammlung Geheimnisvolle Weiten. Deren vielfältige Versmaße zeichnen sich durch eine außergewöhnliche, teilweise extrem langsam getragene Rhythmik aus und erinnern von der Metrik her mitunter an die biblischen Psalmen. 

Březina inspirierte den Graphiker Josef Váchal (1884–1969), den Autor des Werks Der blutige Roman, zu zahlreichen Kunstwerken. Die Illustrationen zur vorliegenden Übersetzung Březinas besorgte daher der angesehene österreichische Holzschnitzer Christian Thanhäuser (*1956), der ein Kenner und Verehrer Váchals ist.

Bis zum Ende der 1920er Jahre wurde Březinas Werk vielfach ins Deutsche übersetzt, unter anderem von Franz Werfel. Die symbolistische Sammlung „Geheimnisvolle Weiten“ blieb aber großteils unberücksichtigt. Sie erscheint nun zum ersten Mal auf Deutsch, und zwar in einer poetischen Übersetzung von Ondřej Cikán.

Das Kētos verlegt diese Sammlung, weil sie eine Verbindung zwischen dem Liebesepos Mai von Karel Hynek Mácha und der Sammlung Mumie auf Reisen von J.H. Krchovský herstellt. Aufgrund ihrer Mystik diente Otokar Březina zudem als Inspirationsquelle für Josef Váchal und aufgrund seiner Bildhaftigkeit und Poetik für Vítězslav Nezval.

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Otokar Březina: Geheimnisvolle Weiten
(Tajemné dálky, Moderní revue, Prag 1895)
Symbolismus vom Feinsten
Tschechisch / Deutsch
übersetzt von Ondřej Cikán
illustriert von Christian Thanhäuser
Herbst 2019 / Kētos Band 7
160 Seiten
Hardcover mit Fadenbindung und Lesebändchen
EUR 20 / CZK 320

ISBN: 
978-3-903124-08-0

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Leseprobe:

Besuch

Ich sagte: Schwester, es leuchten im Blick dir erloschene Sonnen,
erwach und laß mir (daß ich sie dir wärme) die kalt gewordene Hand.
Abend war. Was in der Dämmerung duftete, war traurig verronnen
und weinte mit eisernem Schluchzen der Glockenwand.

Da sah ich sie, meine Seele, vor Jugend errötet, erbeben,
sie stieg in den graueren Dunst meines Morgengrauens hinaus;
vergessenes Kind, das spielt vor dem Sturm, das ein Lächeln zu heben
versucht an der Schwelle vorm verschlossenen Haus.

Sie war fröhlich, ein Kranzmädchen vor dem Begräbnis, im weißen Schleier
und glücklich, wie im Haus, wo es brennt, der Atem der Schlafenden geht,
jungfräuliche Braut im Gebet vor dem Tag ihrer Hochzeitsfeier,
die an den Betten der Sterbenden steht.

Auf meiner Wange ihr Hauch: so erweht aus entfernten Gärten
der Duft verwelkter Rosen, damit auf dem Mund er zum Kuß sich erhelle.
Und Vorhänge östlichen Scheins, die aus reinsten Strahlen sich nährten,
hängte meinen kranken Sehnsüchten sie in die Zelle.