16.04.2021

Vítězslav Nezval: Ein Dichter bei Nacht

Anthologie der Gedichte
Mit einem Krimi von Karel Čapek und dem Gedicht "Zone" von Guillaume Apollinaire im Anhang
herausgegeben und übersetzt von Ondřej Cikán






Der große tschechische Poetist und Surrealist Vítězlav Nezval (1900–1958) ist ein Phänomen: Kaum jemand hat es geschafft, der Sprache zu einer solchen Schönheit zu verhelfen. Der Dichter und Übersetzer Ondřej Cikán hat diese Schönheit nun ins Deutsche gebracht. Das Zentrum der Anthologie "Ein Dichter bei Nacht" bilden Nezvals virtuose Langgedichte "Für die Nacht" und "Edison", die in Tschechien bis heute populär sind. Vervollständigt werden sie durch Gedichte aus verschiedenen Schaffensperioden, z.B. "Cocktails", "Totenglocke für Otokar Březina", "Ein Tüchlein und Adieu" und "Strophen über Prag". 

Im Anhang findet sich einerseits ein Krimi mit dem Titel "Der Dichter" von Karel Čapek, in dem Nezval liebevoll aufs Korn genommen wird; und andererseits das berühmte Gedicht "Zone" von Guillaume Apollinaire, dessen tschechische Übersetzung Karel Čapeks die tschechischen Poetisten zur Entwicklung eines eigenen Genres, des "Zonengedichts", inspiriert hat. 

Gefördert durch das Kulturministerium der Tschechischen Republik.

Weitere Werke Vítězslav Nezvals im Prokramm des Kētos:


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Vítězslav Nezval: Ein Dichter bei Nacht
Anthologie der Gedichte
Mit einem Krimi von Karel Čapek und dem Gedicht "Zone" von Guillaume Apollinaire im Anhang
herausgegeben, übersetzt, kommentiert und mit Nachwort versehen von Ondřej Cikán
Herbst 2021 / Kētos Band 20
ca. 200 Seiten
Hardcover mit Fadenbindung und Lesebändchen
EUR 20 / CZK 360

ISBN: 978-3-903124-20-2


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Leseprobe 1:

Vítězslav Nezval
Gedicht für die Nacht
(1929)

Nacht schwärmte ihren Bienentau aufs Obst der Gärten aus
schuf aus dem Kathedralengold sich einen Türmchenstrauß
die Macht der Dämme aus Porphyr gigantische Kanonen
versteinerten der Höfe Schein um Luna zu vertonen
Palastgedröhn und Fensterschlagen ewig alter Staub
zerbrachen wie der toten Sonne aufgebahrtes Laub
in hundert Erkern ließen schwarz Klaviere sich erahnen
und weiße Nonnen schwanden zwischen Blüten von Lianen

Ein kleines Glöckchen klang im Schlaf es klingelte und kreischte
ich sah die viele Schönheit nicht nach welcher blind ich heischte
ein Schlafwandler der über weiten Ozeanen klagt
auf schmalem Dach aus dem der Strahl des Blitzableiters ragt 
wo eine Rose explodiert und fällt als Blendgranate
dort auf Venedigs Gondeln und Granadas Goldbrokate
im Schauer schweren Öls das helles Fensterglas befleckt
im Strohblumen- Resedenschnee der Sternenpollen streckt
ganz ohne Glocken ohne Harfen ohne Violone 
[…]

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Leseprobe 2:

Guillaume Apollinaire
Zone
(1913)

[…]
Entsetzt erkennst du dein Gesicht in den Achaten von Sankt Veit
An jenem Tag warst du traurig der Tod sollte kommen du warst bereit
Wie Lazarus den heller Sonnenschein in blanken Wahnsinn treibt
Im jüdischen Viertel ist eine Uhr die rückwärts die Zeit beschreibt
Und auch du selbst rollst Stück für Stück zurück in deinem Leben
Als du auf den Hradschin steigst hörst du Stimmen sich erheben
Die in den Gasthäusern tschechische Lieder singen
[…]